Preisträger 2023

1. Platz (8.000 Euro): „Tennis für Alle“ I Tennisclub Laubach

Nach jahrelangem Rückgang der Mitgliedszahlen stand der Tennisclub im kleinen Laubach 2018 vor dem Aus. Auf Initiative von Niklas Höfken vom Deutschen Tennisbund wurde 2019 die Aktion „Tennis für alle“ geboren. Ziel war es, Menschen mit ganz unterschiedlichen Handicaps ein niedrigschwelliges Angebot zu machen, den Tennissport im Verein kennenzulernen und zusammen mit Menschen ohne Handicap auszuüben. „Niklas machte uns Mut, auch als kleiner, ländlicher Verein ohne Erfahrung in diesem Sektor, ohne speziell dafür ausgebildete Trainer und ohne eine vollständig barrierefreie Tennisanlage einfach anzufangen“ heißt es in der Bewerbung um den Hessischen Sozialpreis 2023. Mithilfe einer Förderung der Aktion Mensch und Unterstützern vor Ort konnten Schnuppertage organisiert, Trainer für Menschen mit Behinderung bezahlt und die Anlage barrierearm umgestaltet werden. Und die Idee wurde eine Erfolgsgeschichte. In der Bewerbung heißt es weiter: „Von der Inklusion in unserem Verein profitieren alle derzeit 250 Mitglieder, denn sie erleben, dass Anderssein eine ganz normale Sache sein kann. Konkret sind 15 Sportlerinnen und Sportler aller Altersstufen und unterschiedlicher Behinderung aktiv in das sportliche und gesellige Ver-einsleben integriert. An Aktions- und Schnuppertagen beteiligten sich seit 2019 ca. 100 Personen mit Behinderung.“

„Das Projektziel der (erstmaligen) Integration von Menschen mit Handicap in unseren Verein ist erreicht. Zudem konnten wir unsere Mitgliederzahl im schwierigen Coronajahr – auch dank der Menschen mit Handicap – deutlich steigern. Auch hat dieses Projekt zu einer deutlichen Bewusstseinsänderung bei vielen unserer Mitglieder geführt. Für die Rolli-Fahrern unter den Sportlern bieten wir als einer von nur sechs Vereine in Hessen ein solches Angebot an – in ganz Mittelhessen sind wir der bisher einzige Verein.“ Die Initiative „Tennis für alle“ ist für den kleinen Tennisverein im ländlichen Raum ein Riesenerfolg – und für alle Menschen mit und ohne Handicap, die daran mit großer Freude teilnehmen.


2. Platz (7.000 Euro): „Öffentliches Wohnzimmer“ I Diakonisches Werk des Kirchenkreises Schwalm-Eder

Die gegenwärtigen Krisen, insbesondere die steigenden Preise und die Energiekrise betreffen vor allem die sozial schwächsten Menschen, die sich notwendige Lebensmittel oder Wohn-raum und Heizung kaum noch leisten können. Diese Situation ist auch in Kleinstädten im ländlichen Raum mittlerweile deutlich sichtbar. Hinzukommen geflüchtete Menschen, die versorgt und untergebracht werden müssen.

Das Diakonische Werk des Kirchenkreises Schwalm-Eder hat ein „öffentliches Wohnzimmer“ im Frankfurter Hof, einem ehemaligen Gasthof, zentral in der Altstadt von Homberg (Efze) in direkter Nachbarschaft des „EinLadens“ (Tafel, Second Hand, Mittagstisch) eingerichtet. Jede und Jeder ist hier willkommen. Hier geht es darum, Menschen aus allen Altersstufen, Lebenserfahrungen und Bildungshintergründen zusammen zu bringen. Das „öffentliche Wohnzimmer“, wird als Café/Treff betrieben; ein informeller Lern- und Teilhabeort, der erkennbar für Offenheit und Vielfalt steht. Das ganze Jahr hindurch. In der kalten Jahreszeit wird sich das „öffentliche Wohnzimmer“ durch zeitliche Ausdehnung der Angebote an der Aktion „#Wärmewinter“ von EKD und Diakonie beteiligen.

Im Wohnzimmer, gemütlich eingerichtet mit Spendenmöbeln, gibt es kleine Snacks (Kuchen, belegte Brötchen – je nach Verfügbarkeit) und warme und kalte Getränke. Wer kann, darf eine kleine Spende dafür geben, wer dies nicht kann, ist eingeladen. Das Angebot ist zum einen Alltagshilfe gegen materielle Not oder Vereinsamung, auf der anderen Seite werden Kommunikation, Austausch und Teilhabe gefördert. Es gibt einen frei zugänglichen internetfähigen Rechner, dazu Bücher und Spiele. Ziel ist es, Menschen zum Verweilen einzuladen und Zeit in angenehmer Atmosphäre zu verbringen. Das Angebot ist an die hausinternen Beratungsangebote angebunden – wer Probleme hat, kann auch ohne langwierige Terminvereinbarung Hilfe bekommen. Bis zu zehn ehrenamtliche Mitarbeitende arbeiten hier; unterstützt werden sie von zwei 1-Euro- Jobbern. Wer von den Gästen möchte, kann hier gerne im Team mitarbeiten. Die Räumlichkeiten stehen nach Absprache auch für private Aktivitäten (Konfirmationen, Familienfeiern…) oder für Vereinsaktivitäten außerhalb der Öffnungszeiten zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es in Absprache mit den Beratungsstellen des Trägers in regelmäßigen Abständen Informationsveranstaltungen im Wohnzimmer.


3. Platz (6.000 Euro): „Brücken bauen in den Arbeitsmarkt“ I Gemeinnützige Perspektiva GmbH – Fördergemeinschaft Theresienhof für Arbeit und Leben

Junge Menschen, die aus der Förder- oder Hauptschule kommen, finden heute immer seltener einen Arbeitsplatz. Noch in den 60er Jahren haben viele den Sprung in den Arbeitsmarkt geschafft und wurden in Unternehmen mit einfachen Aufgaben betraut. Heute wirken die komplexen Anforderungen der Arbeitswelt oft ausgrenzend und können zu unüberwindbaren Hürden werden. Die Chancen, auf Dauer Arbeit zu finden und so eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln, werden immer geringer. Das hat im Jahr 1999 in Fulda Unternehmer*innen, Bürger*innen sowie zwei soziale Einrichtungen dazu veranlasst, sich zur „Perspektiva gGmbH – Fördergemeinschaft Theresienhof für Arbeit und Leben“ zusammenzuschließen. Das Ziel: Brücken bauen zwischen Unternehmen und Jugendlichen. Perspektiva sieht sich in diesem Prozess als Sprungbrett und Vermittler.

Das Projekt wird von Unternehmer*innen der Region getragen, insbesondere von Inhabenden und Leitenden kleiner und mittelständischer Unternehmen. Die Agentur für Arbeit, das Amt für Arbeit und Soziales, das Integrationsamt, das hessische Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit sowie der Europäische Sozialfonds unterstützen die Arbeit des Projektes. Perspektiva schafft es, durch Vernetzung der relevanten Akteur*innen und Dialog auf Augenhöhe, die Sichtweisen zu verändern und überzeugende Beispiele beruflicher und gesellschaftlicher Teilhabe zu schaffen. Es gehört zum Auftrag von Perspektiva, individuelle Förderangebote für die Jugendlichen zu entwickeln, auf Dauer einzurichten und fachlich und wirtschaftlich abzusichern. In den vergangenen 24 Jahren konnte Perspektiva ca. 600 Jugendliche in Arbeit und Ausbildung integrieren. „Unsere Erfolge sind nicht nur Zahlen. Unsere Arbeit lebt von Beziehungen und gegenseitiger Verantwortung, daher freuen wir uns jedes Mal besonders, wenn Jugendliche „ihren Weg gehen“ und wir Erfolgsgeschichten schreiben können.“


3. Platz (6.000 Euro): „Barrierechecker*innen – im Kopf geht’s los…“ Freundeskreis Theaterlabor INC e.V.

Die Barrierechecker*innen sind eine generationsübergreifende und inklusive Gruppe von 15 Menschen zwischen 10 und 80 Jahren mit und ohne Behinderung. Gemeinsam untersuchen sie von 2020 bis Dezember 2023 Darmstadt auf Barrierefreiheit in jeglicher Hinsicht. Hautnah werden hier unterschiedlichste Orte der Stadt unter die Lupe genommen: Kulturorte, Kneipen, Museen, Stadion, ÖPNV – niemand ist vor den „Barrierechecker:innen- im Kopf geht’s los…“ sicher. Die bunte Truppe arbeitet daran, Barrieren und Vorurteile zu benennen, diese Grenzen verständlich zu machen und teilweise (mit-)aufzulösen. Die Gruppe trifft sich vierzehntägig und arbeitet intensiv an den zu checkenden Themen miteinander. Anschließend werden die Arbeitsergebnisse in der realen Welt aufgezeigt und performativ in die Stadt getragen. Eine Führung durch den zu „checkenden“ Ort und die Vergabe der „Barrierecheckerurkunde“ an die Veranstalter runden den Event ab. Mittels performativ angelegter Checks werden hierbei ge-machte Erfahrungen spielfreudig in die Stadtöffentlichkeit getragen. Zusätzlich werden diese in Kurzfilmen digital verbreitet. Beide Maßnahmen erreichen viele Menschen und regen zur Auseinandersetzung mit dem Thema an. Dies ist sowohl für die aktiven Barrierechecker:innen als auch für die Rezipienten ein kleiner Schritt, sich dem Ideal einer barrierefreien Stadt anzunähern und Schwellenängste auf Seiten der Veranstalter:innen und Besucher:innen abzubauen. So entsteht ein kreativer aktiver Diskurs. Das Projekt wurde sowohl von den Menschen mit Behinderungen als auch von den Kulturschaffenden der Stadt sehr gut angenommen. Gerade die künstlerische Auseinandersetzung mit der Thematik führte zu einem lebendigen Diskurs. Um ein Beispiel herauszugreifen: Der Leiter des Schlossgrabenfestes Darmstadt entschied nach dem Besuch der Barrierechecker:innen nächstes Jahr einige Änderungen und Erleichterungen für die Barrierefreie Nutzung des Festes umzusetzen, der Intendant des Staatstheaters will die Kartenbestellung für beeinträchtigte Menschen erleichtern etc.


Anerkennungspreis (1.500 Euro): Weilburg erinnert e.V.: „Theaterprojekt für Schüler zum NS-Krankenmord“

Weilburg erinnert e. V. setzt sich ein für eine aktive Erinnerungs- und Gedenkkultur im Andenken an jene Menschen, die Opfer des NS-Regimes in Weilburg und der weiteren Umgebung wurden. Auch will der Verein die Erinnerung an couragierte Menschen erhalten, die sich im Dritten Reich mutig und widerständig gezeigt haben. Weilburg erinnert e.V. möchte daran arbeiten, dass Rassismus, Antisemitismus und Antijudaismus in Weilburg und der Oberlahnregion nicht Raum greifen können. Die Aufarbeitung der lokalen historischen Ereignisse von 1933 bis 1945 möchte der Verein nicht zum Selbstzweck betreiben, sondern um aufzuklären und zu mahnen in einer Zeit, in der extrem rechte Angriffe auf Leib und Leben anderer wegen derer Herkunft, Religion, politischen Überzeugung, deren körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen und/oder sexuellen Orientierung zunehmen. Der Verein hat heute ca. 75 Mitglieder und arbeitet vollständig ehrenamtlich.

Ein wichtiges Ziel des Vereins ist es, insbesondere in Schulklassen die Erinnerung durch Ausstellungsführungen, Theaterstücke, Theaterprojekte und Zeitzeugen-Gespräche zu stärken. In Workshops, gemeinsam mit hauptberuflichen Schauspieler*innen, führen Schüler*innen ein Theater-Projekt durch. Thema: Die NS-Krankenmorde in Hadamar und Weilmünster. Die Schüler*innen schreiben ein Theaterstück vollständig selbst und führen dies dann öffentlich auf. Über 20.000 Männer, Frauen und Kinder wurden in den hessischen Landesheilanstalten von den Nazis getötet. Der NS-Krankenmord ist für den Verein ein wichtiges Thema, da es in Weilburg das Zwangssterilisationskrankenhaus, in Weilmünster eine Hungeranstalt und in Hadamar eine Mordanstalt der Nazis gab. Das wiederum ist aber auch vielen jungen Menschen aus der Region heute nicht bekannt – hier leistet der Verein wichtige Erinnerungs- und auch Präventionsarbeit.


Anerkennungspreis (1.500 Euro): Schülerparlament der Freiherr-vom-Stein-Schule Eltville: „Gebärdensprachkurs für Grundschüler“

Die Mutter eines Schülers der Eltviller Grundschule hat das Schülerparlament für den diesjährigen Preis vorgeschlagen, weil sie so begeistert von der Initiative der Schüler ist. Diese haben, als sie erfahren haben, dass im kommenden Schuljahr mehrere gehörlose Kinder in der Eltviller Grundschule eingeschult werden, einen Gebärdensprachkurs bei Schule und Träger beantragt. Schließlich möchten sie sich mit den neuen Mitschülerinnen und Mitschülern über Gebärden austauschen, sie integrieren in ihre Klasse.

Der Ortsbeirat war von der Idee und dem Engagement der Kinder sofort angetan und hat 1.500 Euro für den Sprachkurs zur Verfügung gestellt. „Es handelt sich hierbei schließlich um gelebte Inklusion und ein offenes, unbefangenes Interesse der Kinder an der Welt der Gehörlosen“, so Ortsvorsteher Markus Post. Abgesehen davon erschließen sich die Schülerinnen und Schüler eine effektive, geräuschlose Art der Interaktion, die sie besonders für die Bedürfnisse und die Herausforderungen gehörloser Menschen sensibilisiert.

Die AG Gebärdensprache wird nun jeden Donnerstag-Nachmittag in Kooperation mit der Wiesbadener Volkshochschule angeboten. „Wir sind froh, dass wir den Kindern diesen Wunsch erfüllen können“, so die Leiterin vom Verein „Die Betreuung Eltville e.V.“ an der Freiherr vom Stein-Grundschule Judith Meth, und führt weiter aus: „Auch die Betreuerinnen und Betreuer haben großes Interesse an diesem Kurs.“ Der Ortsbeirat Eltville freut sich ebenfalls über das Angebot und hofft, dass der Gebärdensprachkurs über das kommende Schulhalbjahr hinaus eine Fortsetzung erfahren kann.